Der "Herrgottschnitzer"

 

1974 im Oktober bekamen wir Besuch von einer guten Freundin mit ihren neuen Bekannten. Unser Sohn, zu dem die Freundin ein besonderes Verhältnis hatte, war knapp 3 Jahre alt!

Im Laufe der Besuchszeit und bei Kaffee und Kuchen und der Nähe des Weihnachtsfests kam das Gespräch auch auf unsere Berufe und Tätigkeiten. Hr. K. erzählte, dass er im Laufe seiner Berufsfindung in Oberammergau als „Herrgottsschnitzer“ gearbeitet und gewirkt hatte und mit ganz einfachem Werkzeug „Taschenmesser“ arbeiten musste und arbeitete und so von der Pike an den Beruf des Bildhauers erlernte.

Fast logisch kamen wir auf Krippenfiguren zu sprechen, die in unserer kleinen Familie noch fehlten, da die bescheidene keramische Familienkrippe bei meinen Eltern bei meinem Auszug geblieben ist! Hr. K der sehr angetan von unseren Sohn Tobias war, entschied für sich, der Junge muss eine Weihnachtskrippe haben! Ich werde für Tobias Krippenfiguren gestalten. Ob das noch bis zum kommenden Weihnachtsfest 1974 klappt konnte Hr. K nicht zusichern, es gäbe ja auch noch einige Dinge zu beschaffen unter anderem das Wichtigste: Holz - Lindenholz. Durch den Besuch bei uns wurde die Tätigkeit des Schnitzhandwerks bei Hr. K wiederbelebt, er schien durchaus erfreut darüber zu sein!

Zwischenspiel:

 

Im Zusammenhang mit den krippenfigurenschnitzen und Herrn K. der in der Schule Kunstunterricht gab, war ich ebenfalls sensibilisiert in Sachen Holz: Hr. K. hat nach Bekanntwerden seiner Tätigkeit als Herrgottsschnitzer einen Auftrag der Schule bekommen einen Türfries herzustellen, dazu benötigte er Eichenholz. Ich war mit einem unserer Fabrikvorführbusse im Raum Wolfsburg/Fallersleben unterwegs. Eine Druckerei hatte bei mir eine Druckmaschine, Modell Mo, gekauft, dieses Modell befand sich im Vorführ-Bus! Ich kam mitten in die Umbaumaßnahmen, sah auf der Baustelle einen Holzbalken liegen, sofort fiel mir Hr. K. ein der einen Eichenbalken benötigte. Eine kurze Schilderung der Situation beim Druckereiinhaber und ein großes Fahrzeug im Hintergrund (Im PKW hätte ich das Monstrum nur Stückweise transportieren können) und mit Hilfe meiner Kollegen befand sich das Holz im V.-Bus und 2 Stunden später bei mir in der Garage. Bevor Hr. K. das Holz übernahm schaute sich mein Schwiegervater ehemaliger Bergmann, zuständig für die Sprengungen, den Balken an: Meinte das sei ein gutes Stück, eine Eiche auf mageren Boden langsam gewachsen, eisenhart, würde jede Säge stumpf machen! Und so war es auch, da Hr. K. nicht die gesamte Länge benötigte bat er mich die 2 Meter zu halbieren, da auch er nur einen PKW zum Transport zur Verfügung hatte. Ich habe mich redlich beim Sägen abgemüht, meine Sägen ruiniert, aber es mit einigen Ansetzen geschafft. Aber so konnte ich Hr. K. mit einer Materiallieferung, seine Bereitschaft uns die Figuren für die Krippe zu schnitzen, entgelten, mit der Hoffnung, dass er das entsprechende Werkzeug zur Bearbeitung zur Verfügung hatte.

 

Die ersten Figuren der Krippe kamen kurz vor Weihnachten, allerdings noch in relativ grober Ausführung, deren Feinarbeiten im kommenden Frühjahr erledigt wurden. Aber Weihnachten hatten wir das Jesuskind in der Futterkrippe, eine andächtige Mutter Maria und einen ergriffenen Josef unter dem Weihnachtsbaum! Danach konnte Hr. K. jedes Jahr eine Figur herstellen: Hirtenjunge mit Hirtenstecken, Seniorhirte ebenfalls mit Hirtenstecken, Hund und eine Schafherde (geschnitzt aus einem Stück Lindenholz mit allen Tierbeinen der ………Schafe gesichert mit einer dünnen Holzplatte), Esel, Ochse (dieses Tier bereitete besondere Probleme, da Hr. K. immer für seine Skizzen Maß und Form am lebenden Objekt genommen hatte! Hr. K. hat sich lange auf den Weiden um seinen Wohnort aufgehalten bis er einen „Ochsen“ gefunden hatte und gezeichnet. Danach erhielten wir die hl. drei Könige mit ihren Geschenken!

Herr K. oder unsere Freundin trennten sich, Herr K. hatte eine neue Bekannte, die aus dem Freundschaftsdienst ein Geschäft machen wollte und für vorhandene und weitere Figuren einen überzogenen Preis einforderte. Selbstverständlich hatten wir die vorhandenen Figuren dem Preiswunsch nach Herrn K. bezahlt. Die Trennung war sehr zum Leidwesen unseres Sohns, der sich sehr gut mit Herrn K. verstand, wie auch zu unserem Leidwesen. So riss damit die Verbindung ab! 

Nun war die Krippe ohne Verkündigungsengel und Transporttiere der hl. drei Könige unvollständig……….

Durch Zufall besuchten wir eine hiesige Blumenhandlung, Fa. Michelsen. Frau Michelsen zeigte in ihrem Geschäft ihre Krippenfiguren innerhalb der Blumendekoration. Ob zum Verkauf, ist mir nicht mehr geläufig. An einer Krippe befand sich ein Verkündigungsengel, der passte. Wir wirkten auf Frau Michelsen ein, um den Engel zu bekommen, Schließlich verkaufte sie uns den Engel. Die Begleittiere der hl. drei Könige hatten leider nicht die passenden Größenmaße zu unseren Figuren, so nahmen wir Abstand.

So betrachteten wir unsere Weihnachtskrippe als vollendet, allerding fehlte noch das passende Gebäude. In Erinnerung an unsere bescheidene Familienkrippe mit dem von meinem Vater selbstgebastelten Stall, machte ich mich daran auch einen Stall zu bauen. Es wurde ein offener Unterstand, wie er häufig auf Weiden steht, hergestellt aus den Brettchen einer Apfelsinenkiste unter Zuhilfenahme eines Kartoffelschälmessers, dass nach getaner Arbeit zum Leidwesen der Hausfrau für die Küchenarbeit unbrauchbar war. Aber unsere Krippe war komplett, die Familie hatte ein Dach über den Kopf und nach der Elektrifizierung Licht!

Wir erfreuen uns jedes Jahr an unserem Schmuckstück und deren Geschichte, dass wohlverpackt von Januar bis zum nächsten Weihnachtsfest in einer alten Munitionskiste auf unseren Hausboden ruht.

Es erinnert uns immer voller Zuneigung an den Auslöser, unseren Sohn, an unsere leider schon verstorbenen Freundin Erika und natürlich an den Herrgottsschnitzer Hr. K.

 

Winfried Fronia

 

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